Zwei lange Unterhosen der Marke Hering von
Ariel Magnus
Verlag
:
Kiepenheuer & Witsch
ISBN:
9783462044607
Der
Klappentext wird dem Buch leider nur zu einem geringen Teil gerecht:
Die bewegende Geschichte einer außergewöhnlichen Großmutter
Emma ließ sich mit 22 Jahren auf der Suche nach ihrer blinden Mutter
freiwillig ins Konzentrationslager Theresienstadt und später nach
Auschwitz deportieren und wäre ihrer Mutter auch auf dem Weg in die
Gaskammer nicht von der Seite gewichen, hätten nicht die Nazis selbst
sie aufgehalten.
Der argentinische Autor Ariel Magnus will diese Frau, seine Oma, näher
kennenlernen und beginnt, ihr Fragen zu ihrer Vergangenheit zu stellen.
Entstanden ist ein überaus humorvolles und unkonventionelles Porträt
einer Holocaust-Überlebenden, die seit 50 Jahren in Brasilien lebt und
die in ihrer Authentizität mit allen Klischees bricht, die ohne
Bitterkeit oder Selbstmitleid zeigt, wie vielschichtig das Leben ist,
auch in den dunkelsten Zeiten. Ariel Magnus und seine temperamentvolle
Großmutter reisen dabei zwischen Deutschland, Brasilien und Argentinien
hin und her, sie streiten, provozieren, überraschen, und so entfaltet
sich vor dem Leser ein Kaleidoskop von unpathetischer Menschlichkeit,
familiärer Wärme und pragmatischen Lebensentscheidungen.
Ein Buch, das trotz seines ernsten Themas voller Komik und Lebensfreude
ist.
»Ich hab doch meine Freiheit, und Freiheit ist so viel wert. Das Wort
ist klein, aber der Inhalt ist riesig.«
Dieses Buch ist anders und ganz besonders ist es anders als eigentlich
alle Bücher, die ich jemals mit einem Bezug zum Holocaust gelesen habe.
Mit Sicherheit ist es auch das, was es so besonders macht, aber nicht
nur. Vielmehr ist es die Mischung aus einem leichten humorvollen Ton,
der sich dennoch immer respektvoll mit dem ja nun wahrlich nicht ganz
einfachen Thema befasst, ein Ton, der auch die Großmutter liebevoll und
respektvoll mit all ihren Eigenarten beschreibt und nicht zuletzt ist es
auch die Persönlichkeit der Großmutter selbst, die Eindruck macht.
Der
Autor, der sich auf das Wagnis eingelassen hat, seine sehr
bemerkenswerte, aber nicht ganz einfache Großmutter zu interviewen und
mehr über sie und ihre Zeit in Deutschland herauszufinden.
Die
Großmutter, die als Jüdin zur Zeit des Dritten Reiches lebte, als junges
Mädchen und spätere Frau, die in dieser Zeit alles und jeden verloren
hat, zeigt sich einerseits sehr stark, jedoch wird immer wieder auch
deutlich, wie sehr sie auch heute noch mit den Erinnerungen an diese
Zeit zu kämpfen hat und was dort eigentlich alles passiert ist, was nie
hätte passieren dürfen.
Ganz nebenbei nur wird es erwähnt,
streckenweise fast beiläufig, selbstverständlich, nie dramatisch, nie
anklagend, so dass der Leser manches Mal genauer hinschauen und noch
einmal genau lesen muss, was eigentlich passiert ist.
Gerade diese
Beiläufigkeit führte bei mir allerdings des Öfteren dazu, dass es mich
mehr traf als jeder Vorwurf oder jede weit ausgeführt Anklage es
vermocht hätten.
Man sollte dieses Buch allerdings nicht nur als Buch
über den Holocaust lesen, das ist es nicht. Es ist ein Buch über eine
starke und eigenwillige Frau, die auch den Holocaust überlebt hat und es
ist auch ein Buch über eine ältere Frau, die manchmal recht sprunghaft
und nicht immer ganz zusammenhängend erzählt, hier sollte man bereit
sein, sich darauf einzulassen. Wenn man das kann, hat man hier ein sehr
beeindruckendes und intensives Buch, dasmir sehr gut gefallen hat.